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100 Jahre Handball in Korbach: Zwei Vereine, die eins wurden; Corona lässt keine Jubiläumsfeier zu

Der Handball in Korbach wird in diesem Jahr 100 Jahre alt. Der TSV Korbach wollte den runden Geburtstag im August groß feiern, aber Corona durchkreuzte dieses Vorhaben. Ein Rückblick auf zwei Vereine, die heute eins sind.

Eingerahmte Sportgeschichte: Rosi und Lothar Müller haben den Korbacher Handball mitgeprägt. Sie hielten viele Erinnerungen und Erfolge des TSV bildlich fest. © Reinhard Schmidt

Korbach – Als ein Handball noch so groß war wie ein Fußball, sah es nicht danach aus, dass Deutschland einmal von König Fußball regiert wird. Es war im Jahr 1920 als dieses Wurfspiel auf Sportplätzen einen Boom erlebte, der auch in Korbach dazu führte, dass Handballabteilungen in den zwei Klubs TV und SV gegründet wurden. Sie spielten Feldhandball, der Begriff Hallenhandball war noch nicht erfunden.

Die Handballabteilungen der 1982 fusionierten Korbacher Vereine feiern ein doppeltes Jubiläum: die Männer-sparte wird 100 und die der Frauen 50 Jahre alt.

Ob die Geburtstagsfeier im kommenden Jahr nachgeholt wird, weiß Lothar Müller noch nicht. Der 79-Jährige und seine Frau Rosi (67) sind prägende Akteure im Korbacher Handball nach dem Zweiten Weltkrieg, sie sind dieser Sportart und dem TSV immer noch sehr verbunden.

Zeitzeugen, die über die Gründung des Handballs in Korbach im Jahr 1920 etwas sagen könnten, gibt es nicht mehr, aber Karl-Heinz Westmeier (89) und Kurt Osterhold (92) erinnern sich noch gut, an das Ballspiel mit der Hand in den zwei Vereinen, nach dem Kriegsende, bereits 1946 wieder den Spielbetrieb aufnahm.

Korbach bestreitet erstes Handballspiel in Nordhessen

Als der Handball in Korbach die Vereinswelt betrat, war er erst drei Jahre alt. Der TVK trug 1920 das erste Handballspiel in Nordhessen gegen den TuR Wehlheiden in Kassel aus. Im Archiv des Deutschen Handballbundes ist vermerkt: Der Berliner Oberturnwart Max Heiser legte 1917 fest, dass das 1915 von ihm für Frauen entworfene Spiel „Torball“ zukünftig „Handball“ heißen solle. Zwei Jahre später entwickelte der Berliner Turnlehrer Carl Schelenz Heisers Spielidee weiter und machte es auch für Jungen und Männer attraktiv, indem er Zweikämpfe erlaubte und den Ball verkleinerte.

Das löste diesen Boom aus: Die Zahl der Fußballmannschaften stagnierte 1920 bei etwa 800. Rund 950 Feldhandballmannschaften gab es 1922 in Deutschland und sieben Jahre später waren es bereits 8085. Der Feldhandball, mit elf Spielern pro Mannschaft, lockte damals so viele Zuschauer ins Stadion wie sie heute beim Fußball üblich sind. So pilgerten 1959 zum Spiel DDR gegen Bundesrepublik rund 93 000 Zuschauer ins Leipziger Zentralstadion.

Doch materiell stand der Handballsport noch auf schwachen Beinen. „Einen Ball oder Trikots mussten wir uns anfangs selber besorgen, das bekamen wir noch nicht vom Verein“, sagt Westmeier. Ein weißes Hemd und eine blaue Hose galt es für ihn aufzutreiben und mit den Schuhen sei es auch nicht so einfach gewesen. „Die konnte man zwar kaufen, aber wer hatte schon das Geld dafür. Ich hatte Schuhe oder Stollen und wenn es nass war, hatte ich auf dem Gras keinen Halt.“ Es habe auch noch keine Duschen oder Umkleidekabinen gegeben, betont der 89-Jährige. „Wir mussten uns draußen umziehen oder in der Gastwirtschaft, wo wir in die Waschküche durften.“

Beim Stadtrivalen TV ging es nicht anders zu. Kurt Osterhold war mit seinen Teamkollegen ebenfalls auf der Suche nach passender und einheitlicher Kleidung. Ihnen kam gelegen, dass die Vereinsfarben des TV rot und schwarz waren, denn jeder Haushalt hatte von den Nazis eine Hakenkreuzfahne bekommen. „Aus dem roten Stoff der Fahne hat mir meine Mutter die Turnhose genäht und dann wurde noch ein Unterhemd in schwarze Farbe getaucht.“ Fertig war die Trikotage.

Bus in Landauer Bergen anschieben

Das Verhältnis in der Mannschaft sei hervorragend gewesen, betont Westmeier. „Wir hatten auch nichts anderes, wir waren ja schon froh, mit dem Bus mal nach Eschwege, Kassel, Fulda oder Gießen zu kommen.“ Wenn er Bus sagt, dann meint er ein Fahrzeug mit Holzvergaser. „Wenn wir auf dem Weg nach Kassel in die Landauer Berge kamen, blieb der Bus jedes Mal stehen, dann mussten wir alle aussteigen, schieben und oben ging die Fahrt weiter“, sagt Westmeier.

Auch in den 60er-Jahren gerieten Fahrten zu Auswärtsspielen immer noch zu kleinen Abenteuern. Müller erinnert sich an diesen Dreirad-Kleinlaster, acht Spieler saßen hinten auf der Ladepritsche und fuhren nach Höringhausen, Wetterburg, Arolsen oder Bergheim. Manchmal trampelte die Mannschaft auch mit dem Fahrrad zum Spiel und nach Lütersheim ging es immer mit dem Zug.

Manchmal ging die Reise sogar über hessische Grenzen hinaus. Westmeier kann sich gut an die Einladung aus der DDR erinnern, wo er vor dem Mauerbau mit seinem Korbacher Team vor mehreren tausend Zuschauern ein Spiel in Jena absolvierte. „Die Jenaer waren schon gut ausgestattet, hatten Kabinen und Duschen und sie boten uns sogar einen Physiotherapeuten an“, erinnert sich der 89-Jährige.

Auf solch einen Luxus sollten die Handballer in Korbach noch einige Jahre warten. Der Sportplatz für beide Vereine befand sich damals auch schon auf der Hauer, aber dort, wo heute Stadthalle und Parkplatz stehen. Da sie in ein blau-weißes und ein rot-schwarzes Lager geteilt waren, gab es natürlich auch eine gesunde Rivalität zwischen beiden Vereinen.

Handball als Zuschauer-Magnet: Karl-Heinz Westmeier (SV 09 Korbach) wirft beim Turnier in Jena aufs Tor. © pr

Für diese Rivalität sorgte nicht nur sportliche Konkurrenz, sondern auch eine Art Standesdünkel. „Der SV nahm nur Spieler auf, die das Gymnasium besuchten oder Studenten waren“, erzählt Müller. „Es war die Mannschaft der Hochgestochenen.“ Aber der damalige TV-Trainer Ernst Brand habe immer gesagt. „Lass sie doch, die Hochnäsigen, unsere Spieler gehen hier in die Lehre, arbeiten danach in Korbach und wir haben dadurch eine gute Handballmannschaft.“ Bei der SV-Mannschaft hätten die viele Studenten am Wochenende oft keine Fahrmöglichkeiten nach Korbach gehabt, deshalb sei dieses Gebilde immer mehr gebröckelt. Westmeier und seine SV-09-Kollegen hatten allerdings einen ähnlichen Eindruck von den TV-Handballern.

Handballer galten als Grünflächenzerstörer

„Der TV war immer ein bisschen hochgestellt, denn da waren die ganzen Korbacher Kaufleute drin.“ Die Handballer galten im Gegensatz zu den Fußballern auch als Grünflächenzerstörer vor allem rund um den Wurfkreis. „Der Heilige Rasen im Stadion in Korbach wurde später nur für den Fußball zugelassen. Wir durften nur noch auf dem A-Platz spielen“, erinnert sich Müller.

Jahrzehntelang hatte der SV im Korbacher Handballduell sportlich die Nase vorn. Das Team spielte Landesliga bisweilen vor 1000 Zuschauern und war meist ein bis zwei Klassen höher angesiedelt als der Stadtrivale.

Doch das sollte sich ändern, als Feldhandball 1969/70 auf dem Großfeld eingestellt wurde und der Hallenhandball kam. Nur das Spiel auf dem Kleinfeld wurde fortgesetzt.

„Der TV hat viel früher mit dem Hallenhandball angefangen als wir und ist dadurch auch größer geworden, der SV hat diesen Schritt verschlafen“, erzählt Westmeier. Allerdings sei auch die Konkurrenz zum Fußball beim SV 09 immer mehr gestiegen. „Dann sind einige Spieler zu uns gewechselt“, sagt Müller und damit rückte die Fusion immer näher.

Die meisten Korbacher Handballer fanden den bundesweit ausgesprochenen Feldverweis nicht gut und sie lehnten ein Dach über dem Kopf ab. „Der Bezirk und die Kasseler Vereine forderten die Änderung, weil sie schon eine Halle hatten“, sagt Müller. Dieser Immobilienvorsprung sollte auch ein großer sportlicher Vorteil gegenüber den Vereinen aus Waldeck sein, denn dort stand noch keine Halle in dieser Größenordnung. Nicht nur die Korbacher, sondern auch die Twister und Mühlhäuser haben zwei Jahre lang ihre Heimspiele in der Kasseler Kurhessenhalle ausgetragen.

Abenteuerliche Übungseinheiten

Das war nicht nur von der Entfernung her eine unangenehme Aufgabe. Denn die Handballer mussten sich die Halle mit Rindern teilen. „Nach dem Viehauftrieb am Samstagmorgen wurden die Hinterlassenschaften der Tiere zwar weggespritzt, aber der Betonboden war meist noch nicht trocken, wenn wir um 11 Uhr darauf spielten mussten“, erzählt Müller.

Der Gestank und die braunen Flecken seien aber nicht das schlimmste gewesen, sondern der Betonboden selbst. „Da ist keiner ohne Blessuren davongekommen, vor allen Knie und Ellenbogen waren fast immer blutig geschlagen, Schoner gab es damals noch nicht.“

Kreissporthalle das „Wohnzimmer“ der Korbacher Handballer

Müller erinnert sich noch an einen Spieler aus Mühlhausen, der war schwer gefoult worden und durch den Fall war ein Teil seines Ohres abgeschliffen. „Damals gab es auch keinen Verbandskasten, kurz das Taschentuch draufgehalten, das war’s.“ Die Korbacher Handballer trainierten in der kleinen Schulturnhalle am Enser Tor. Dabei kamen abenteuerliche Übungseinheiten heraus: „Wir sind draußen von der Jugendherberge über die Straße angelaufen, die drei Stufen hoch und haben dann durch die gesamte Halle hindurch aufs Tor geworfen“, sagt Müller.

Der heutige Handball sei mit dem von vor 50 Jahren nicht mehr zu vergleichen, es sei alles viel schneller und athletischer geworden. „In den 50er und 60er Jahren haben wir uns freitags zum Training getroffen, dabei wurde eine Stunde lang der Ball in die Hand genommen und gedonnert, nicht erst warm laufen und dehnen und anderes albernes Zeug“, erzählt Müller mit einem ironischen Lächeln.

Nachdem 1970 die neue Königstorhalle in Kassel eröffnet wurde, war diese noch einige Monate die Heimspielstätte der Korbacher Handballer, ab 1970 auch für die Handballerinnen des TV Korbach. Aber 1971 zogen sie endlich in „ihre“ Kreissporthalle ein. (rsm)

Dieser Artikel stammt aus der Waldeckischen Landeszeitung.

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